Wie können Unternehmen mit der aktuellen Pandemie-Krise umgehen und welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung? Hierzu geben Experten aus dem "Zentrum digitale Arbeit" Antworten in aktuellen Interviews.

Der durch die Pandemie ausgelöste Digitalisierungsschub hat in den Unternehmen verschiedene Facetten und Reichweiten. Welchen Impuls kann diese Entwicklung auf die Überprüfung und innovative Gestaltung von Lieferketten haben?
Prof. Müller: Unabhängig von der Frage der Digitalisierung wird zunächst sicherlich erst einmal überprüft werden, inwieweit Lieferketten wieder stärker lokalisiert werden. Ich persönlich rechne aber nur dort wirklich in größerem Umfang mit einem Rückbau, wo es im staatlichen Interesse liegt. Dies könnte z.B. bei systemrelevanten Bereichen – wie im Pharmabereich, bei Schutzausrüstungen u. Ä. – der Fall sein. In der Wirtschaftskrise 2008/09 war insbesondere die fehlende Transparenz in den Lieferketten im Rahmen des Risikomanagements als wesentliches Problem hervorgetreten. Dennoch sind Lieferketten vom Rohstoff bis zum Endkunden über zehn Jahre später in vielen Branchen immer noch größtenteils unbekannt, da sie weltweit gespannt sind und über sehr viele Stufen führen. Mittlerweile stehen uns aber vielversprechende Tools z. B. im Bereich Big Data Analytics zur Verfügung. Zu wissen, mit wem man eigentlich in den Lieferketten zusammenarbeitet, ist aber nur der erste Schritt. Der zweite Schritt ist dann tatsächlich der Datenaustausch über die gesamte Lieferkette hinweg, um diese effizienter zu machen und eine optimale Leistung für den Endkunden zu erbringen. Dabei könnten sich in einem dritten Schritt Lieferketten auch transformieren, d. h., vollkommen neu zusammenarbeiten. Kann ich beispielsweise Produkte auf einem 3D-Drucker herstellen, benötige ich keine Teilelieferanten, sondern lediglich einen Lieferanten einer technischen Zeichnung.
Insgesamt betrachtet würde ich – nur weil jetzt z. B. viele im Home Office virtuell arbeiten – noch nicht von einem Digitalisierungsschub sprechen. Aber die Corona-Pandemie kann sicher ein DigitalisierungsANschub sein: Unternehmen, die sich bisher gegen virtuelle Kommunikation und Zusammenarbeit sperrten, haben aktuell keine Alternativen – und so gingen alle bisherigen Ausreden von heute auf morgen über Bord. Zwar gibt es das eine oder andere technische Problem, aber auf einmal sehen viele, dass es grundsätzlich ganz gut funktioniert. Dies hilft hoffentlich, lang bestehende Denkmuster aufzubrechen und die Stimmen der Bedenkenträger leiser werden zu lassen. Wir sehen das gerade auch an der Hochschule, wie schnell man doch in der Lage ist, ein passables Online-Semester auf die Beine zu stellen, um die Studierenden – die zu Hause über das ganze Bundesgebiet verteilt sitzen – eine adäquate Lehre zu bieten. Wir werden jetzt sicher in Zukunft nicht zur reinen Online-Hochschule im Sinne einer Fernuniversität werden, aber die Grenzen verschwimmen und wir müssen unser Angebot und dessen Umsetzung vielleicht neu definieren. Und ähnliches passiert mit den Geschäftsmodellen von Unternehmen und hier werden Daten die entscheidende Rolle spielen. Egal, ob dass die oben angesprochene technische Zeichnung oder Sensorinformationen von Maschinen sind, die Fragen werden in Zukunft lauten, hat in einer Lieferkette ein Unternehmen die Hoheit über die Daten oder sind sie für alle verfügbar? Wer nutzt die Daten am besten, um Kunden innovative Leistungen anzubieten? Heute werden nach wie vor viele Daten in Lieferketten nicht geteilt, einfach „weggeworfen“ oder nur unzureichend miteinander verknüpft. Dass das Heben dieses Datenschatzes mit großen Erwartungen verbunden ist, wurde bereits erkannt – nun muss es aber noch umgesetzt werden.

Warum wurde bisher vor allem in KMU das Digitalisierungspotenzial im Einkauf und der Beschaffung noch nicht genügend genutzt?
Prof. Müller: Die Ursachen der ungenügenden Nutzung sind sicher vielfältig und im Einzelnen auch durchaus nachvollziehbar. Ich möchte aber drei Faktoren herausheben: Zunächst ist die Achillesferse in vielen Unternehmen das bisherige Stammdatenmanagement mit einer historisch gewachsenen Unordnung. In den Systemen ist z.B. ein Lieferant dreimal mit unterschiedlichen Schreibweisen oder Adressen angelegt. Damit kann ein Mensch umgehen, auch wenn es Zeit und Nerven kostet. Möchte ich jetzt den Prozess automatisieren, darf es den Lieferanten aber nur einmal geben, sonst bricht der Prozess ab – denn welcher der drei ist der richtige? Des Weiteren stehen die Geschäftsprozesse im administrativen Bereich – zu denen der Einkauf gehört – nicht im selben Fokus wie die Produktionsprozesse. In Produktionsprozessen wird die Effizienz über Kennzahlen genau gemessen und immer wieder verbessert. Dass ein Bestellprozess das Unternehmen aber im Durchschnitt 100 Euro kostet – wie wir in verschiedenen Studien nachgewiesen haben – hat kaum jemand auf dem Schirm. Diese Prozesskosten finden sich nämlich nirgends in betriebswirtschaftlichen Auswertungen, sondern verschwinden im Overhead der Verwaltung. Und zum dritten wird meist noch stark in Abteilungen gedacht und der eigene Arbeitsbereich optimiert. Waren- und Informationsfluss machen aber nicht an Abteilungsgrenzen halt, sondern die Prozesse kommen vom Lieferanten und gehen durchs Unternehmen zum Kunden. Leider ist die Summe der Abteilungsoptima meist nicht das Optimum für das Unternehmen oder gar der Lieferkette – im Ergebnis haben wir schlecht funktionierende Schnittstellen zwischen Systemen; manuelles Abtippen von E-Mails und vieles mehr können wir noch immer beobachten. Leider wird sich in KMU noch zu oft hinter „mangelnden“ Ressourcen versteckt.
Dass es funktioniert, zeigen Unternehmen, die den Transformationsprozess zügig und konzentriert angehen. An solchen Best-Practice-Beispielen erkennen wir, welche Optimierungspotenziale freigesetzt werden können und wir erwarten weitere wirtschaftliche Erfolge. Im Zentrum digitale Arbeit bringen wir uns hier seitens der HTWK Leipzig ein, um Unternehmen zu unterstützen, die Potenziale zu erkennen und eine ganzheitliche Strategie bei der Umsetzung von digitalen Lösungen zu entwickeln. Es ist durchaus möglich, klein anzufangen und Stück für Stück in die digitale Welt hineinzuwachsen – aber man sollte von Anfang an das Gesamtbild im Blick haben. Es muss verstanden werden, dass Digitalisierung eine Aufgabe der Unternehmensführung werden muss und nicht irgendwas ist, was die IT-Abteilung „irgendwie“ umsetzt.

Welche Kompetenzen benötigen KMU und ihre Fachkräfte für eine betriebswirtschaftlich sinnvolle Anwendung von webbasierter Tools in der Waren- und Dienstleistungslogistik und wie können diese gestärkt werden?
Prof. Müller: Zugegeben, die Einschätzung relevanter Kompetenzen ist komplex und auch nicht einfach! Zudem scheint es, dass hier Dynamiken herrschen, die viele zusätzlich überfordern: Brauche ich jetzt eher einen Big Data-Analysten oder einen KI-Experten – oder beide? Und welche Technologien muss ich nächstes Jahr beherrschen? Diese Fragen sollten aber die Diskussion am Anfang nicht bestimmen. Technik ist kein Heilmittel, sondern ein Hilfsmittel. Bevor man die eigenen Fachkräfte schult oder spezifische Expertise ins Unternehmen holt, ist es vor allem wichtig, den Blick zu erweitern und den Umgang mit Daten und deren sinnvolle Nutzung in die strategische Ausrichtung des Unternehmens mit einzubeziehen. Danach können dann die erforderlichen Kompetenzen aufgebaut werden. Und diese bestehen nicht nur aus IT-Wissen. Viel wichtiger ist es, dass Mitarbeiter eine ganzheitliche Betrachtungsweise und ein tiefgehendes Verständnis des Geschäftsmodells des Unternehmens aufweisen und vor allem „zusammenarbeiten“ können. Kollaboration wird der Schlüssel zum Erfolg. Denn KMUs werden selten in der Lage sein, eine allumfassende IT-Expertise in den eigenen Strukturen aufzubauen, sondern müssen hier Externe erfolgreich einbinden können. Wir legen daher an der HTWK Leipzig in der Ausbildung sehr viel Wert darauf, dass wir nicht nur fachspezifische Inhalte vermitteln, sondern auch die Sozial- und Methodenkompetenz in Kommunikationstrainings oder Planspielen geschult wird. Die Studierende müssen komplexe Problemstellungen im Team lösen lernen. Und Ähnliches gilt in Unternehmen: Neben spezifischen Fachwissen – dass ich mir aber auch temporär „einkaufen“ kann – muss ich darauf achten, dass meine Mitarbeiter den Blick für das Ganze nicht verlieren und effizient mit anderen zusammenarbeiten können. Kollaborationskompetenz ersetzt zwar keine Fachkompetenz – aber ohne geht es in Zukunft definitiv nicht.


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Dr. Petra Gärtner

Leitung Zentrum digitale Arbeit; Stellv. Geschäftsführerin