Wie können Unternehmen mit der aktuellen Pandemie-Krise umgehen und welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung? Hierzu geben Experten aus dem "Zentrum digitale Arbeit" Antworten in aktuellen Interviews.

Die Corona-Krise stellt kleine- und mittelständische Unternehmen mit ihren Belegschaften vor noch nie dagewesene Herausforderungen. Gesundheitsschutz und wirtschaftliche Existenzsicherung stehen an oberster Stelle. Die Fachkräftesicherung wird über die anhaltenden Einschränkungen auf eine harte Probe gestellt.
Prof. Zacher: Die kommenden Wochen und Monate werden ökonomisch und psychologisch eine große Herausforderung für Menschen, Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes. Es besteht eine enorme Unsicherheit, mit der erfolgreich umgegangen werden muss. Deshalb ist es jetzt wichtig, ein Höchstmaß an Kontrolle über die dynamische Situation zu behalten oder wiederzuerlangen, neue Routinen und Strukturen zu etablieren und auf die eigenen Stärken und gemeinsame Ziele zu fokussieren. Glücklicherweise zeigt die psychologische Forschung, dass die meisten Menschen in Krisen eher nicht zur Panik, sondern vielmehr zu Solidarität neigen. Die Gewinnung und Sicherung von Fachkräften ist in den letzten Jahren immer schwieriger geworden und die Corona-Krise wird bestehende Probleme und Ungleichheiten, zum Beispiel zwischen Branchen und Regionen, vermutlich noch verschärfen. Bei der Anziehung von Fachkräften sollten nicht nur finanzielle Fragen im Vordergrund stehen, sondern auch immaterielle Dinge, die Arbeitsplätze und Unternehmen attraktiv machen – wie etwa interessante Aufgaben, flexible Arbeitszeiten, soziale Eingebundenheit und eine wertschätzende Unternehmenskultur.

Thema Verlagerung der Arbeit ins Homeoffice: Was sollten Führungskräfte und Beschäftigte im Auge haben, wenn abrupt eingeführte digitale Arbeit im häuslichen Wohnbereich noch auf einige Zeit geleistet werden muss? Der gefühlte Erwartungs-Druck für beide Seiten ist in dieser Situation hoch.
Prof. Zacher: Die Herstellung guter physischer und psychischer Arbeitsbedingungen ist auch im Homeoffice sehr bedeutsam. Dazu gehört ein ruhiger und heller Arbeitsplatz mit einem ergonomisch günstigen Tisch und Stuhl sowie einem Computer mit Webcam und schneller Internetverbindung. Weiterhin sind tägliche Routinen, klare Ziele und feste Arbeitszeiten, Erholungspausen sowie regelmäßiger Kontakt zu Vorgesetzen und Kollegen wichtig. Unterbrechungen und Ablenkungen während der Arbeitszeit sollten möglichst auch im Homeoffice vermieden werden. Führungskräfte sollten Mitarbeitende im Homeoffice nicht anders behandeln als Mitarbeitende im Büro – also ihnen weder zu wenig Aufmerksamkeit schenken, noch sie zu stark kontrollieren. Wir wissen aus der arbeits- und organisationspsychologischen Forschung, dass Beschäftigte, die ungefähr zwei Tage im Homeoffice und den Rest der Zeit im Büro arbeiten, am zufriedensten und produktivsten sind. Sowohl ein „Vollzeit-Homeoffice“ als auch die gleichzeitige Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen sind in der Corona-Krise für viele Beschäftigte leider unvermeidlich. Deswegen ist es wichtig, bei der Arbeit zu Hause möglichst gelassen und auf eine realistische Art und Weise optimistisch zu bleiben, stets besonnen zu handeln und viel Verständnis sowohl für die Anforderungen des Unternehmens als auch für die Bedürfnisse der Familie aufzubringen.

Wie kann es gelingen, vor allem ältere Beschäftigtengruppen in die sich momentan verändernde Arbeitsorganisation so mitzunehmen, dass Überforderung minimiert wird? Worauf müssen Führungskräfte besonders achten?
Prof. Zacher: Die Forschung zeigt eindeutig, dass ältere Beschäftigte genauso gut die Anwendung neuer Technologien und Arbeitstechniken erlernen können wie ihre jüngeren Kollegen – aber sie lernen anders. So sollten Führungskräfte beispielsweise darauf achten, die bisherige Erfahrung der älteren Beschäftigten stärker in den Lernprozess einzubeziehen, ihnen genügend Zeit und Freiraum zum Lernen zur Verfügung zu stellen und sie möglichst viel praktisch ausprobieren lassen anstatt zu theoretisch vorzugehen. Dazu gehört auch eine gute Fehlerkultur.
Wir wissen auch, dass ältere Beschäftigte zwar keine geringeren Fähigkeiten zum Lernen und zur Anpassung an Neues besitzen, aber im Durchschnitt ein geringeres Selbstvertrauen, was die Nutzung neuer Technologien und Arbeitsformen angeht. Deshalb sollten Führungskräfte ihnen frühzeitig kleine Erfolgserlebnisse im Lernprozess ermöglichen, ihnen positive Vorbilder präsentieren sowie ihnen Vertrauen schenken und gut zureden. Insgesamt zeigen sich in der Forschung keine Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Beschäftigen hinsichtlich Arbeitsleistung, Trainingserfolg und Kreativität. Oftmals sind es sogar eher die älteren Beschäftigten, die maßgeblich zu einem positiven Miteinander im Betrieb und einer wertschätzenden Unternehmenskultur beitragen.

Wie wirkt der psychologische Arbeitsvertrag im Spannungsdreieck von Kurzarbeit, Existenzangst und familiären Verpflichtungen (Kinderbetreuung, Ersatzbeschulung, Angehörigenpflege)?
Prof. Zacher: Beschäftigte mit Mehrfachbelastungen im beruflichen und familiären Bereich stehen zu Zeit mehr unter Druck denn je. Wir wissen, dass Arbeitsplatzunsicherheit und Konflikte zwischen Beruf und Familie sich sehr stark negativ auf die körperliche und geistige Gesundheit auswirken können. Deshalb ist es wichtig, dass diese Beschäftigten ein hohes Ausmaß an sozialer Unterstützung erfahren, sowohl von ihrem Arbeitgeber, als auch von Gewerkschaften, der Politik und der Gesellschaft. Zu sozialer Unterstützung gehört, erstens, die transparente Vermittlung von wichtigen und hilfreichen Information, die Menschen in dieser Lage benötigen. Zweitens sollte es praktische Hilfsangebote geben, wie etwa die zeitliche und räumliche Flexibilisierung von Arbeitszeiten, die Veränderung von Arbeitsaufgaben für eine bestimmte Zeit, oder finanzielle Zuschüsse. Und drittens bedarf es nicht zuletzt eines hohen Ausmaßes an emotionaler Unterstützung. Dazu gehört, den Menschen zuzuhören, ihnen zu vermitteln, dass sie in ihrer Situation nicht allein sind, und viel Verständnis für ihre konkreten Sorgen aufbringen. Die kommenden Wochen und Monate werden, auch wenn der Höhepunkt der Corona-Krise bereits überschritten ist, sehr schwierig und nur gemeinsam können Beschäftige und Unternehmen die großen Herausforderungen bewältigen.


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Dr. Petra Gärtner

Leitung Zentrum digitale Arbeit; Stellv. Geschäftsführerin